Prolog

 

»Versprichst du mir was, Robin?« Sanft murmle ich ihm die Worte zu und kuschle mich noch etwas fester an ihn heran.

»Hmm, was denn?«

»Wir geben unsere Träume nicht auf. Unser Himmel ist blau, und wir laufen nicht nur in einem Schuh herum, okay?«

»Okay.« Langsam dreht er den Kopf zu mir und lächelt. »Aber wie kommst du denn jetzt auf so was?«

»Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt habe ich manchmal Angst, dass ich irgendwann dreißig bin und sich nichts erfüllt hat von dem, was ich mir erträumt habe. Blöd, oder?«

»Nein, ganz und gar nicht, Lena. Ich weiß, was du meinst.«

Meine Hand ruht auf seiner Brust. Es ist schön, seinen Herzschlag zu spüren. »Und ich will auch nicht so mürrisch und verbittert werden. So wie diese Sorte Menschen, die aussehen, als würden sie jeden Tag haufenweise Zitronen verdrücken.«

»Quatsch, das werden wir nicht.«

»Na gut, ich erinnere dich daran.« Zögernd setze ich nach. »Denn weißt du, alle Türen stehen uns noch offen, und du hast echt Talent. Ehrlich. Verschwende es nicht.«

»Mach dir nicht so viele Sorgen.« Zärtlich streicht er mir über den Kopf. »Wenn wir dreißig sind, können wir ja Bilanz ziehen. Was hältst du davon?«

»Hmm, dreißig, schon heftig irgendwie. Also mit dreißig will ich glaube ich mindestens ein Buch geschrieben haben, glücklich sein, vielleicht eine Hochzeit in Weiß, einen Mann, der mich liebt, einen super Beruf, unendlich reich und – ach keine Ahnung – vielleicht noch einen Baum gepflanzt haben oder so was.«

Lachend blinzelt Robin in den Himmel. »Das ist ’ne Menge. Wir werden sehen, was kommt. Ich würde auch gerne auf Reisen gehen.«

»Das ist auch eine schöne Idee«, seufze ich.

Dann schweigen wir eine Weile und liegen einfach nur eng umschlungen da. Doch etwas ganz Bestimmtes liegt mir auf der Zunge. Und schließlich traue ich mich und spreche es aus. »Robin, versprichst du mir was?«

»Was denn?«

»Wenn wir mit dreißig noch niemanden haben, heiratest du mich dann?«

Verdutzt dreht er sein Gesicht zu mir. Habe ich das gerade wirklich gesagt? Vielleicht hätte ich es mir doch verkneifen sollen. Typisch für mich. Kann ich nicht einmal den Mund halten? Also füge ich hinzu: »Ich meine, so für den Notfall.«

Robin grinst. »Ach, für den Notfall? Puh! Ich weiß nicht, war das jetzt ein Antrag? Sehr romantisch, du verrücktes Huhn!«

 

Kapitel 1

 

Plötzlich wieder siebzehn

 

Acht Jahre später

 

»So ein Vollidiot«, keuche ich, als ich durch die Nürnberger Innenstadt hetze. Von links und rechts kommen Menschen auf mich zu. Geschickt versuche ich, ihnen auszuweichen und mich durch die jeweiligen Lücken voranzuschieben, was wirklich nicht gerade einfach ist. Ein Blick auf das kleine Uhrentürmchen in der Nähe der Lorenzkirche verrät mir, dass es schon kurz vor neun ist. Verdammt, ich bin viel zu spät dran.

 

Ich versuche, noch etwas schneller zu laufen, als mein Smartphone klingelt. Während ich mich weiter gegen den Strom bewege, angle ich es aus der Hosentasche. Rumps, fast wäre ich mit einer Gruppe von Leuten zusammengestoßen. Wie kann es nur so voll sein! Na gut, so ist es eigentlich immer, wenn das alljährliche Musikfestival, das Bardentreffen, stattfindet. Und eigentlich stört es mich auch nicht im Geringsten, doch ich habe gerade wirklich miese Laune, denn das Interview, das ich bis vor einer halben Stunde geführt habe, war der absolute Horror.

 

Paul Pratschko nennt sich der gute Herr, den ich heute interviewen musste, Chef vom Funkhaus, Mitte vierzig und zugegeben wirklich gut aussehend. Allerdings weiß er das auch und hält sich deshalb für unwiderstehlich – besser noch für den Inbegriff aller Frauenträume. Zwei Stunden lang starrte er mich so durchdringend an, als könnte er durch meine Kleidung hindurchsehen. Dazu musste ich noch seinen wirklich banalen Anmachsprüchen ausweichen, was gar nicht so einfach war. Für heute habe ich jedenfalls echt die Nase voll.

 

Mein Smartphone klingelt immer noch, und ich schaffe es schließlich irgendwie, ranzugehen.

 

»Hey Lena. Und, alles klar? Wie ist es gelaufen?« Es ist Anne, meine beste Freundin seit Sandkastentagen.

 

»Ach, hör auf, der Typ war echt so nervig«, stöhne ich und schiebe mich weiter voran. »Ich weiß nicht, wie viele fürchterliche Machosprüche ich heute aushalten musste. Der hat im Ernst zu mir gesagt: ›Wir haben was gemeinsam: Ich mag hübsche Frauen, und du bist eine hübsche Frau. Das kann doch kein Zufall sein.‹«

 

Anne kichert. »Das ist nicht nur banal, sondern auch total einfallslos.«

 

»Und das war noch harmlos. Weißt du, was er sagte, als ich gegangen bin?«

 

»Nein, schieß los.«

 

»Er meinte: ›Tolles Interview, du hast Feuer in deinen braunen Augen, Lena. Gerne würde ich heute noch mit dir in Flammen aufgehen.‹«

 

Anne fängt an, hemmungslos zu lachen. »Der hat sie ja echt nicht alle. Sah er wenigstens gut aus?«

 

»Ja, das schon. Stahlblaue Augen, dunkle Haare, aber seine Klamotten – fürchterlich. Ganz ehrlich, sein Sakko war so bunt, mir tun jetzt noch die Augen weh.«

 

»Vielleicht wäre er ja gerne ein Schmetterling.«

 

Die Vorstellung daran bringt mich kurz aus dem Konzept, und ich muss grinsen. »Wer weiß. Mister Schmetterling hat mich jedenfalls am Ende des Gesprächs noch gebeten, mit ihm heute auszugehen, aufs Bardentreffen, aber ich habe behauptet, dass ich schon was anderes vorhätte.«

 

»Ach, warum? Wer weiß, hätte doch lustig werden können. Vielleicht hättest du seine Einladung ja doch annehmen sollen, Lena. Eigentlich hast du nichts zu verlieren. Und wenn er gut aussieht, schnapp ihn dir doch einfach. Nur mal so zum Spaß. Du musst ihn ja nicht gleich heiraten. Mal ehrlich, wann hattest du das letzte Mal einen Kerl?«

 

»Das ist noch nicht so lange her, ich glaube …«

 

Doch sie unterbricht mich. »Tu nicht so. Seit deinem Ex Stefan hattest du doch keinen mehr, oder? Und das ist jetzt schon über ein Jahr her. Oh Gott, du bist bestimmt schon vertrocknet, du alte Jungfer.«

 

Empört schnaufe ich ins Telefon. »So ein Blödsinn, das bin ich absolut nicht.«

 

»Ja, ja, schon gut, ich sag’s ja nur. Und jetzt? Bist du schon auf dem Weg zum Auftritt dieser Band, von der du berichten sollst?«

 

Ich bin ganz froh, dass sie das Thema wechselt. »Ja, ich versuche es zumindest. Hier ist die Hölle los. Man muss wirklich aufpassen, nicht totgetreten zu werden. Und das meine ich wörtlich. Mittlerweile sind bestimmt fast fünfzigtausend Menschen auf den Beinen. Aber was ist jetzt mit dir? Wann kommst du? Sag bitte, dass du kommst!« Meine Stimme klingt zugegeben etwas flehend.

 

»Ach Lena, weißt du …« Ich weiß schon, was sie sagen will. Sie wird mir absagen, ganz bestimmt. »Also, es ist so: André ist vorhin heimgekommen, und wir wollten uns einfach einen gemütlichen Abend machen. Bist du sehr sauer, wenn ich heute doch nicht mehr komme?«

 

Wusste ich es doch. Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich es schon schade, denn heute hätte ich gerne etwas Gesellschaft gehabt, nicht irgendeine Gesellschaft wie etwa Schmetterlings-Paul, sondern ihre. Aber ich bin ihr nicht böse. Anne ist jetzt verheiratet, und ihr Mann André ist durch seinen Beruf als Sportberater ziemlich viel unterwegs. Wie sollte ich es ihr verübeln, dass sie die meisten Abende lieber mit ihm verbringt, als mit mir durch die – so wie heute – überfüllte Stadt zu ziehen? Früher war das anders, da waren wir ständig unterwegs, hingen zusammen wie Pech und Schwefel, aber die Zeiten ändern sich eben.

 

Kennengelernt haben wir uns, als wir gerade mal vier Jahre alt waren. Als unsere damalige Wohnsiedlung noch ganz frisch gebaut war und es noch keine Spur von den sauber angelegten Gärten und gerade geschnittenen Hecken von heute gab. Damals thronte ein riesiger Sandberg vor den neuen Häusern. Und auf diesem Sandberg haben wir Freundschaft fürs Leben geschlossen – eine Freundschaft, die bis heute anhält. Anne, das aufgeweckte rothaarige Mädchen mit den grünen Augen, und ich, Lena, klein, braunhaarig und mit ebenso braunen Augen.

 

Nie vergessen sind die Tage, als wir mit fünf Leberwurstbrote im Sand vergraben haben, weil wir überzeugt waren, dass daraus ein Leberwurstbaum wachsen würde. Und wie gerne denke ich an die Wochenenden, die wir zeltend im Garten verbracht und an denen wir abends Sterne gezählt haben. Als wir älter wurden, weinten und trösteten wir uns beim ersten Liebeskummer, feierten die heftigsten Partys und verreisten in den Ferien gemeinsam in den Urlaub. Mit fünfzehn nach Italien, ein Traumurlaub ohne Eltern, und ich schmecke heute noch den Sommer, wenn ich daran denke. Ganz anders als unser berühmter Griechenlandurlaub, den wir mit achtzehn gebucht haben. Eine Glücksreise – wir hätten es ja wissen müssen, dass das schief geht –, die ziemlich unglücklich endete. Von hier aus noch mal ein riesiges Dankeschön an Hakan vom Nürnberger Flughafen, der uns wissend ins Elend schickte. Zwei Wochen ohne Klimaanlage, mit Hunderten von Zusatzkosten, Löchern in der Wand und der wunderschönen Aussicht auf ein verdorrtes Weideland. Aber das alles hat uns zusammengeschweißt.

 

Ja, und diese Anne, mit der ich so viel erlebt habe, mit der ich jeden Club unsicher gemacht habe, die sich zahllose Male verliebte und entliebte und zu gerne mal pöbelte, ist jetzt ausgeglichen, ruhig und pöbelt höchstens noch beim Autofahren.

 

Genau fünf Jahre ist es jetzt her, seit sie André getroffen hat. Sie sind sich an einem lauen Juniabend in einem überfüllten Club in die Arme gelaufen, und dann war es um beide geschehen. Anne wollte nur noch André, und André wollte nur noch Anne. Ein halbes Jahr später, mitten im Dezember, haben die beiden geheiratet, und ich war nicht die Einzige, die glaubte, sie handle vielleicht ein wenig voreilig.

 

Das änderte sich, als wir kurz vor der anstehenden Hochzeit zusammen durch die Stadt spaziert sind und Anne plötzlich stehen geblieben ist. »Lena, ich weiß, du denkst, ich überstürze das Ganze vielleicht. Aber ich sage dir was: Als ich André gesehen habe, blieb die Welt für einen Moment stehen. Ich habe meine innere Stimme gehört, und ich wusste, dieser Mensch ist der Richtige für mich. Wir sind füreinander bestimmt.«

 

Ich habe sie nie wieder überzeugender über etwas sprechen hören, und ich habe auch nie wieder an ihrer Entscheidung gezweifelt.

 

Ich schlängle mich immer noch voran, weiche einer Tasche aus, die mich beinahe in die Rippen getroffen hätte, und halte das Telefon noch fester ans Ohr gepresst. Denn je weiter ich mich der Insel Schütt, dem Platz, an dem das Konzert stattfindet, nähere, umso lauter wird es.

 

»Lena? Also ist es schlimm, wenn ich dich alleine lasse?« Anne klingt kleinlaut, und ich kann nicht anders, als sie zu beruhigen.

 

»Nein, quatsch, ist schon okay«, rufe ich jetzt etwas lauter ins Telefon. »Macht euch ’nen schönen Abend. Ich glaube, ich mache mir auch nur ein paar Notizen, lausche der Musik und verschwinde dann wieder. Ich bin nämlich auch hundemüde, und mein Magen knurrt wie verrückt.« Meine Stimme überschlägt sich, und von dem Gehetze bin ich ganz außer Atem. Aber ich habe es geschafft: Vor mir befindet sich die Insel Schütt. Bevor mich allerdings das Menschenmeer vor mir verschlingen kann, stelle ich mich etwas abseits und atme durch.

 

»Danke, Lena, dann melde ich mich morgen bei dir, ja?«

 

»Ja, so machen wir es. Anne, sei nicht böse, aber ich muss nun auflegen. Ich bin jetzt da und verstehe kaum noch ein Wort.«

 

»Okay, dann viel Spaß noch, und falls dir langweilig ist, melde dich doch bei dem hübschen Schmetterlings-Paul.«

 

»Wie verlockend. Aber nein, ganz sicher nicht.«

 

»Na gut, dann bis morgen, du vertrocknete Pflaume.«

 

»Bis morgen, du alte Langweilerin, und grüße André lieb.« Mit diesen Worten beenden wir das Gespräch.

 

Ein letzter Blick aufs Smartphone verrät mir, dass es bereits zehn nach neun ist. Die Band, die aus drei stimmgewaltigen Frauen besteht, hat schon längst zu spielen angefangen, und die harmonischen Trommelklänge dringen mir ins Ohr. Noch einmal atme ich tief ein und aus, dann fühle ich mich bereit und schiebe mich ins Getümmel. Inmitten der Menschen strecke ich mich und versuche, mir einen ersten groben Überblick über das Geschehen zu verschaffen. Doch da ich ziemlich klein bin, also gerade mal einen Meter sechzig, was nicht größer ist als ein Hobbit, ist das gar nicht so einfach.

 

Glücklicherweise entdecke ich noch eine einigermaßen freie Steininsel unweit der Bühne, auf die ich mich sogleich mogle. Darauf sind noch winzige Spuren von weißem Sand zu erkennen. Denn bis vor wenigen Tagen war hier noch der so beliebte Nürnberger Stadtstrand aufgebaut. Als ich oben stehe, lasse ich meinen Blick schweifen und beobachte die Leute, die bereits beschwingt im Takt der afrikanischen Klänge wippen.

 

Heute platzt die kleine Insel wirklich fast aus allen Nähten. Schnell hole ich mein Smartphone noch mal aus der Tasche und knipse flink mit der Kamera ein Foto, das leider etwas wackelig wird, weil sich zwei etwas angetrunkene Mädels und ein Junge zu mir gesellen. Im Eifer schütten sie mir zudem noch etwas Bier auf die Hose. Die drei sind höchstens sechzehn, vielleicht siebzehn. Sie entschuldigen sich, und für einen Moment ertappe ich mich dabei, wie ich sie sehnsüchtig anstarre.

 

Damit es nicht peinlich wird, winke ich ab und setze ein cooles Lächeln auf. »Kein Problem.« Lässig wische ich über meine Jeans.

 

Wenn ich die drei so ansehe, fühle ich mich plötzlich um Jahre zurückversetzt. Wie losgelöst sie herumalbern, so ausgelassen und unbeschwert. Manchmal fehlt mir genau das. Eine merkwürdige Sehnsucht macht sich auf einmal in mir breit.

 

Es hat sich wirklich viel verändert, seit auch ich siebzehn gewesen bin. Was aber nicht heißt, dass ich nicht trotzdem glücklich bin. Na gut, ich bin jetzt fünfundzwanzig, seit einem Jahr Single und, wie Anne behauptet, etwas vertrocknet – was ich aber nicht bin. Wirklich nicht.

 

Und gut, klar fehlt mir manchmal die Nähe zu einem Mann, aber mich einfach so auf einen wie Paul, den Schmetterling, einzulassen – ne, so nötig habe ich es nun auch wieder nicht. Nein, darauf kann ich wirklich verzichten. Ehrlich gesagt, ich warte eben lieber auf den Richtigen. Auch wenn das romantisch und kitschig klingt. Aber dass es den einen Richtigen geben kann, führt mir Anne schließlich immer wieder vor Augen.

 

Schnell wische ich den Gedanken weg und widme mich wieder dem Publikum, schieße schnell noch ein nicht verwackeltes Foto der tanzenden Menge und fahre anschließend mit dem Finger über meine Schreibapp, um ein paar Notizen einzutippen: Name der Band: Acoustic Africa. Anzahl der Personen: ca. 600. Stimmung: losgelöst und beschwingt. Solche winzigen Anhaltspunkte helfen mir später beim Schreiben meines Artikels.

 

Seit fast einem Jahr arbeite ich jetzt als Redakteurin. Und damit ist wirklich ein langersehnter Traum für mich in Erfüllung gegangen. Wenigstens einer der Träume, die ich als siebzehnjähriges Mädchen hatte. Denn ja, mein Liebesleben ist wirklich lausig, es ist vielmehr gar nicht vorhanden, und einen Baum habe ich auch noch nicht gepflanzt, dafür aber meinen Namen unter einige Artikel. Und das erfüllt mich wirklich mit Glück und auch mit ein klein wenig Stolz. Ich kann von mir behaupten: Ja, ich liebe meinen Job. Auch wenn ich meistens nur von irgendwelchen Autohauseröffnungen, Präsentationen oder Medientreffs berichte, auf denen wahnsinnig wichtige Leute wie der Schmetterling Paul Pratschko und solche, die es werden wollen, herumflattern.

 

 Ein etwas lauter Trommelschlag holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Ich stecke mein Smartphone wieder ein, setze mich hin und lasse die Stimmung eine Weile auf mich wirken. Mein Fuß wippt wie von selbst zum Takt hin und her. Nach dem fürchterlichen Nachmittag entspanne ich mich sogar langsam. Um die Musik zu fühlen, schließe ich die Augen und lasse mich treiben. Ja, so kann man es wirklich aushalten. Die Musik genießen und dafür bezahlt werden – gar nicht so übel.

 

Die warme Juliluft kitzelt in meiner Nase, während es um mich herum langsam zu dämmern beginnt. Wie schön diese lauen Sommerabende sein können. Die drei neben mir lachen und kichern, und ich höre, wie erneut ihre Bierflaschen aneinanderklirren.

 

Das bringt mich auf eine Idee. Bevor die Nacht endgültig heranschleicht, beschließe ich, mir ebenfalls ein kühles Bier zu holen – auch wenn ich dafür meinen schönen Inselplatz aufgeben muss. Ich rappele mich auf, strecke mich und suche von oben mit den Augen den schnellsten Weg zur Bar. Als ich ihn gefunden habe, streiche ich mir die Haare glatt, hüpfe von der Insel runter und schiebe mich zurück ins Gedränge.

 

Einige Schritte habe ich mich bereits vorgearbeitet, als ich einen harten Stoß im Kreuz spüre. Aua. Das tat weh. Erschrocken fahre ich herum und stolpere etwas ungeschickt auch noch nach vorne. Bevor ich falle, fängt mich jemand auf, ich lande in warmen Armen, und als ich aufsehe, blicke ich in das Gesicht des Mannes, der mich heute schon zwei Stunden lang im Interview gemustert hat – das Gesicht von Schmetterling Paul Pratschko. Mist. Das darf doch nicht wahr sein!

 

»Frau Sonntag, Lena, das gibt’s doch nicht! Was für eine Überraschung.« Allerdings, denke ich mir, aber keine gute. »Zufälle gibt es. Ich dachte, du hättest heute Abend schon zu tun?«

 

Ja, ein wirklich ärgerliches Zusammentreffen von Zufällen. Was sage ich ihm jetzt nur? Verlegen stottere ich herum. »Herr Pratschko, das gibt’s ja nicht. Das ist wirklich eine Überraschung.«

 

»Lena, Schönste, bitte, du sollst mich doch Paul nennen.« Er zwinkert mir mit seinen blauen Augen zu. »Und was bringt dich hierher in meine Arme?«

 

Schönste? Schnell versuche ich, die Fassung zu wahren, und löse mich aus seinem Griff. »Ähm, weißt du, eine Redakteurin ist ausgefallen, und jetzt berichte ich doch kurzfristig vom Konzert«, schwindle ich und trete einen Schritt zurück.

 

»Das ist aber schön. Haben wir ein Glück, nicht wahr?« Er zwinkert mir schon wieder zu, und ich überlege, wie ich es anstellen kann, schnellstmöglich zu verschwinden. Aber mitten im Gedränge ist man wirklich wie gefangen. Von hinten und vorne drücken die Menschen, und ich will einfach nur raus.

 

Als ich wieder einen Schubs bekomme, reicht es mir. Verzweifelt sehe ich mich um, was Paul wohl bemerkt.

 

»Wollen wir an der Bar was trinken? Ich lade dich ein.«

 

Doch ich höre ihm nicht richtig zu, suche noch immer nach einem Ausweg und lasse meine Augen über die Menge wandern. »Ähm, tut mir leid, Paul, aber ich muss mal eben …« Wie war noch der verflixte Weg zur Bar? »Weißt du, ich habe da noch etwas zu …«

 

»… erledigen«, will ich sagen, kann den Satz aber nicht zu Ende sprechen, denn ich erstarre. Mein Herz rast, bleibt für einen Sekundenbruchteil stehen.

 

Zwei Reihen vor mir sehe ich ihn.

 

Mein Kopf summt, und ein Blitz durchfährt mich. Das gibt’s doch nicht. Kann das sein? Oder täusche ich mich vielleicht nur? Ich kneife die Augen zusammen und sehe etwas genauer hin.

 

Nein, ich täusche mich nicht. Er ist es, und er sieht noch genauso aus wie früher, wenn ihm etwas besonders gut gefallen hat. Er bewegt sich sogar noch genauso. So leicht. Die Augen geschlossen. Die dunklen Haare locker gestylt, wippt er mit seinem sportlichen Körper in weichen Bewegungen zum Takt der Musik.

 

Robin.

 

Er trägt ein grünes Shirt, auf dem irgendein verwaschener Print abgedruckt ist, den ich von Weitem allerdings nicht entziffern kann. Seine Jeans sind blau, lässig und schlicht.

 

In meinen Gedanken entfalten sich Hunderte von flatternden bunten Bildern vergangener Tage. Sie sind plötzlich da, ganz nah, direkt vor meinem inneren Auge. Als würde sich ein Film vor mir abspielen. Robin und ich im Planschbecken in Badehosen, Robin und ich auf der alten Birke im Park, Robin und ich eingekuschelt beim Videoabend. Es erfasst mich am ganzen Leib. Wir haben so viel zusammen erlebt, doch das scheint schon ewig her. Viel zu weit weg.

 

Keine Ahnung, wie lange ich jetzt schon stocksteif dastehe und immer wieder zu ihm rüberstarre.

 

Oh Gott, was soll ich nur tun? Ja, Flucht ist eindeutig die beste Lösung. Umdrehen und gehen. Egal wohin, nur raus hier. Was soll ich ihm auch sagen? Wie wäre es für den Anfang mit einem einfachen schlichten »Hallo«, schimpft mich meine innere Stimme. Doch ich beachte sie nicht.

 

Tief durchatmen, Lena. Du kennst ihn, seit du sechs Jahre warst. Du hast deine Jugend mit ihm verbracht, und jetzt benimmst du dich so albern wie mit fünfzehn, als du mit Anne vor Felix Binger geflüchtet bist, weil du ihn nicht noch einmal küssen wolltest.

 

Ist das jetzt mit fünfundzwanzig Jahren nicht ein klein wenig kindisch? Ja, das ist es. Aber mir total und komplett scheißegal. Bis jetzt hat er mich ja nicht gesehen. Also nichts wie weg. Weg von ihm, weg von Paul.

 

Doch im selben Moment hebt Robin seinen Kopf, und sein Blick trifft mich mit voller Wucht.

 

Zu spät. Es fühlt sich an, als ticke die Zeit plötzlich langsamer um uns herum, als sei sie eingefroren. Alles um mich herum verschwindet einfach, auch Paul. Wer ist eigentlich Paul?

 

Keine Musik, keine Geräusche. Nur wir.

 

Seine Augen sind klar, und ich würde zu gerne wissen, was er gerade denkt. Er wendet sich kurz ab, blickt zu Boden und dann wieder zurück in mein Gesicht.

 

Wenig später läuft die Zeit weiter.

 

Die Musik ist wieder da, und die Geräusche um uns herum sind es auch. Es geht nicht anders, ich sehe ihn an, und meine Mundwinkel bewegen sich einfach so nach oben. Ich lächle ihm zu, und er lächelt tatsächlich zurück. Das Eis scheint gebrochen. Mein Herz flattert, als ich sehe, dass er sich aus der Menge löst und auf mich zukommt.

 

»Lena, hallo, ist alles in Ordnung?« Schmetterling Paul Pratschko rüttelt an meinem Arm und holt mich zurück in die Gegenwart.

 

»Ähm, tut mir wirklich leid, Paul. Wie gesagt, ich habe noch was zu erledigen. Vielleicht ein andermal. Ich muss jetzt wirklich gehen, ich melde mich, wenn der Artikel erscheint.« Mit diesem Satz wende ich mich schnell von ihm ab, lasse ihn einfach stehen und schiebe mich durchs Gedränge.

 

»Du machst es mir nicht leicht, das gefällt mir!«, höre ich ihn noch hinter mir herrufen, doch ich habe mich schon entfernt, habe mich weiter vorangeschoben, und wenige Schritte später steht er vor mir.

 

Robin.

 

Seine grünen Augen umrahmt von dichten Wimpern strahlen mich jetzt direkt an. Er hat kleine Falten neben den Lidern. Was hat sich sonst noch verändert? Meine Augen mustern sein Gesicht. Es ist etwas kantiger als noch vor einigen Jahren, die jugendliche Fülle ist verschwunden. Sein dunkles Haar ist etwas kürzer, doch immer noch genauso strubbelig. Und sein Lächeln – es ist noch immer leicht und locker wie Kuchenteig. In meinem Bauch spüre ich das Kitzeln winziger Schmetterlingsflügel, als seien sie plötzlich wiedererwacht.

 

»Lena Sonntag? Bist du es wirklich?« Robins Augen strahlen.

 

Ich drehe mich nach allen Seiten um. »Lena Sonntag? Nein, ich kenne keine Lena Sonntag. Du verwechselst mich bestimmt«, sage ich ziemlich cool und lächle.

 

Er zieht die Augenbrauen nach oben. »Ja, du bist es wirklich. Immer noch die gleiche freche Klappe wie früher. Komm her und lass dich umarmen.«

 

Im ersten Moment stehe ich regungslos da. Weil es mich völlig durcheinanderbringt, ihn wiederzusehen. Weil ich es kaum glauben kann. Doch er zieht mich einfach an sich. Mitten im Gedränge spüre ich jetzt seinen warmen Körper dicht an mir und kann mich kaum noch konzentrieren. Jetzt glaube ich es. Ich spüre ihn. Eine schöne Form der Nähe, und ich lasse sie einfach zu.

 

Seine Schultern sind noch kräftiger geworden. Mein Kopf liegt auf seiner Brust, und er riecht so wunderbar. Nach Erinnerung, nach früher – nach Robin.

 

Es ist schön, in seinen Armen zu liegen. Zugegeben, dafür, dass ich gerade eben noch das Weite suchen wollte, klammere ich mich ganz schön an ihm fest.

 

Schließlich lösen wir uns doch voneinander, und meine Wangen glühen vor Hitze. Gott, was für Augen er hat. Selbst nach so vielen Jahren denke ich sofort an Frühling, saftige Bergwiesen, fruchtbare Wälder oder leckeres Bärlauchpesto.

 

»Ich freue mich so, dich zu sehen. Darauf müssen wir anstoßen. Wie schaut‘s aus, Lenalein? Lass uns was trinken!« Es ist keine Frage, eher eine Aufforderung, als sei es selbstverständlich. Und ich kann nicht anders, als zu nicken.

 

Robin greift nach meiner Hand und zieht mich hinter sich her, aus der Menge heraus auf die Bar zu, vor der wir nach wenigen Schritten schließlich stehen bleiben. »Bier wie immer?«, fragt er, und ich nicke.

 

Wie immer, geht es mir durch den Kopf. Ja, wie immer, und plötzlich, genau in dieser Sekunde, bin ich wieder siebzehn.

 

 


Kontakt:                                   

Michelle Schrenk                    

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